Der eine oder andere von Ihnen wird sich vielleicht verwundert fragen, welche Gemeinsamkeiten eine alte Weltreligion mit unserer modernen Psychotherapie haben mag. Zunächst treffen wir bei beiden Systemen auf die gleiche Ausgangsfrage: “Wie bekommen wir Zugang zu unserem bisher noch nicht entdeckten Potential?” Die Methoden für diese Zugangsweisen sind dabei unterschiedlich. Hypnotherapeuten benutzen häufig den Weg über eine Tranceinduktion. Buddhisten steht ein psychologisch sorgfältig ausgearbeitetes Meditationssystem zur Verfügung, um zu diesen Ressourcen zu gelangen. Der Weg zu unserem Potential führt in der Hypnotherapie wie auch im Buddhismus über eine Veränderung der Erfahrungs- und Wahrnehmungsebene in Richtung von mehr Flexibilität und die darauf folgende schrittweise Überwindung einengender Grenzen. Es ist hier der unbestreitbare Verdienst der Erickson´schen Hypnotherapie, diese intrapsychisch erlebten Begrenzungen und Blockaden mittels Trance erweitern und flexibler gestalten zu können. Lassen wir an dieser Stelle Steven Gilligan zu Wort kommen.
Zitat: “In der Trance kann ich beides fühlen, hier und dort, verbunden mit dir und losgelöst von dir, Teil von und getrennt von einer Erfahrung. Dies lässt einen konzeptionslosen und nonverbalen Erfahrungszustand der Einheit wachsen. Es ist eine ursprüngliche, alles einschließende Art der Beziehungsaufnahme im Gegensatz zum trennenden Entwede r- Oder logisch charakterisierender analytischer bewusster Vorgänge. Mit anderen Worten: Trancezustände tendieren dazu, Beziehungen zu vereinen.” Das Ziel der Transzendenz begrenzter Bewusstseinszustände finden wir nicht erst in der hypnotherapeutischen Literatur. An dieser Stelle ein kleiner historischer Rückblick: Vor 2500 Jahren, als Zeitgenosse von Laotse und Konfuzius, von Zarathustra, Platon und Sokrates, lebte im heutigen Grenzgebiet zwischen Nordindien und Südnepal Siddharta Gautama. Er wuchs als Sohn des Königs der Shakias, daher die Bezeichnung Shakiamuni in standesgemäß luxuriösen Verhältnissen auf. Nach mehreren markanten Erlebnissen von Alter, Krankheit und Tod stellte er ziemlich schockiert fest, wie sehr das menschliche Leben von Leid geprägt ist. Er setzte es sich zur Aufgabe, einen Weg zu finden, der alles Leid transzendieren sollte. Nach sechs Jahren intensiver Suche und meditativer Praxis erreichte er sein Ziel und verbreitete dann in dem damals intellektuell hochentwickelten Indien 45 Jahre lang seine Lehre, die einen überprüfbaren Weg von der Neurose - damals hieß das noch anders - bis zur Erleuchtung zur Verfügung stellt.
Die Quintessenz seines Vorgehens lag spannenderweise in einer ganz ähnlichen Erkenntnis wie wir sie heute als Hypnotherapeuten nutzen. 1.) Menschliches Leid hat immer etwas mit - wie es im Buddhismus genannt wird - Dualität zu tun. D. h. beispielsweise, ich trenne krank von gesund, gut von böse, richtig von falsch usw., was in hypnotherapeutischer Denkweise nichts anderes bedeutet als: Ich stelle einen Ist-Zustand einem Soll-Zustand gegenüber und daraus resultiert der Eindruck, ich hätte ein Problem, das es zu bewältigen gäbe. Meist versuchen wir das dann auch durch das Wegschieben des Einen und dem Versuch, das Andere zu erreichen. Z.B. ich will keine Krankheit, sondern Gesundheit - egal um welchen Preis - ich will gut sein und projiziere das Schlechte auf Andere usw. Buddha nannte dies die grundlegende Unwissenheit unseres Geistes, unsere dualistische Wahrnehmung und Erlebnisverarbeitung und daraus resultierend Anhaftung an vermeintlich Gutes oder Angenehmes und Abneigung gegen das sogennante Schlechte oder Unangenehme. D.h. in jedem Augenblick unseres Lebens stemmen wir uns gegen die Erfahrung dessen, was ist und verlieren uns in unserer neurotischen Traumwelt von Hoffen und Fürchten, Morgen und Gestern, Mögen und Nicht-Mögen usw.. Das Ende des Leids bedeutet für ihn konsequenterweise, jegliche Dualität aufzuheben. Dabei setzt er bei unserer grundlegenden Dualität, nämlich unserer Ich-Illusion an. Was bedeutet dies genau? Dies meint, dass wir in jedem Augenblick unseres Erlebens einen Riss oder eine Trennung machen zwischen Subjekt und Objekt, Erleber und Erlebtem. Das Besondere an Tranceerlebnissen ist, dass wir für eine kurze Zeit Dualitäten überwinden können und das Bewußtsein transformieren. Genau diesen Weg schlug auch Buddha ein mit dem einzigen, aber grundlegenden Unterschied, dass er sich nicht damit zufrieden gab, dass es ab und zu mal geschieht, sondern er machte die Erfahrung und gab sie an uns weiter, daß diese Transzendenz des Bewußtseins zum natürlichen Dauerzustand werden kann, ohne gleichzeitig auf unsere auf Logik und Klarheit ausgerichteten Ich-Funktionen zu verzichten. Die zweite der Hypnotherapie sehr ähnlichen Grundannahme oder Grunderkenntnis besagt, dass der Mensch bereits alle Ressourcen zur Lösung seiner Probleme in sich hat und es nur noch darum geht, ihm Zugang zu seinen internalen Fähigkeiten zu ermöglichen. Buddha sagt nun, wir sind alle schon erleuchtet, ohne es allerdings - leider - zu wissen. Wir können uns an dieser Stelle fragen, ob wir wenigstens in Ansätzen ab und zu einmal einen flüchtigen Eindruck von dieser Ebene des Erlebens bekommen. Welche nicht-dualen Erlebnisse, in denen wir Zugang zu unseren in uns liegenden Ressourcen bekommen, kennen wir bereits - ich meine jetzt außerhalb von Therapiesituationen mit einem kompetenten Hypnotherapeuten? Lassen Sie uns hierzu einige Beispiele anschauen: Denken Sie an Verliebtsein, oder an die erste Berührung mit ihrem neugeborenen Kind, oder an einen Augenblick von plötzlicher Klarheit und tiefer Intuition, wo Ihnen etwas einfällt, eine Lösung von einem Problem, wo vorher nur Blockaden waren. Das ganze besondere Potential von nicht dualem Erleben zeigt sich auch ein- drucksvoll in schwierigen Situationen, denken Sie an Extremsportarten, z.B. einen Motorradfahrer, der mit 180 km/h in die Kurve fährt. Wenn Sie ihn einmal anschauen, seine Bewegungen, sein Einssein mit dem Motorad und der kurvigen Straße, dann ist genau das ein Augenblick von nicht dualem Erleben. Oder beispielsweise ein Kletterer, der im Felsen irgendwo hängt - auch er trennt nicht die Komponenten des Erlebens in drei Teile auf: ich hier der Kletterer, dort der Fels und das, was ich gerade tue, ist Klettern. Er ist einfach Klettern, das ist alles. Noch dramatischer klingen Situationen, wo es z.B. darum geht, beispielsweise jemandem zu helfen oder ihn zu retten. Vielleicht kennt der eine oder andere von Ihnen in diesem Zusammenhang die Geschichte von Hemingway, der während des Krieges mit durchschossenem Bein seinen Freund aus feindlichem Gebiet rettete. Er trennte in diesem Moment auch nicht sein Wohlergehen von dem Glück seines Freundes und genau durch dieses wiederum nicht duale, nicht trennende Erleben erschloss er sich die für diese wirklich schwierige Situation nötigen Ressourcen. Das einzige Ziel vom Buddhismus und von buddhistischer Meditationspraxis ist es nun, diese ganz besonderen Augenblicke unseres Erlebens, wo bewußte und unbewußte Prozesse kreativ zusammenarbeiten, und wo wir unsere in uns liegenden Ressourcen und Qualitäten, unser Potential an Freude, Liebe, Mitgefühl und Mut entdecken, zum natürlichen Dauerzustand werden lassen. Und dies auch in äußerlich langweiligen, nervigen, schwierigen oder auch katastrophal wirkenden Situationen. Die Zielvarianten ressourcenorientierter Therapieformen zeigen in die gleiche Richtung. An dieser Stelle ist es wichtig, zu begreifen, daß Buddhismus die tradtionelle westliche Psychologie auf den Kopf stellt: Das, was wir als Spitzenaugenblicke wahrnehmen, ist im Buddhismus das Normale und das, was wir Alltagsbewußtsein nennen, ist im Buddhismus unser Fehlerprogramm. Erleuchtung ist das Naheliegende - eigentlich. Wie können wir jetzt damit umgehen? Das Wissen um unsere Fähigkeiten macht noch keine Erfahrung, wie wir alle wissen. Als praktische Anleitung, wie wir das Fehlerprogramm unseres Alltagsbewußtseins schrittweise überwinden können, stellt uns der Buddhismus ein psychologisch sehr kluges und ausgefeiltes Meditationssystem zur Verfügung, das auf verschiedenen Ebenen ansetzt: Die Techniken beginnen mit Konzentration, innerer Achtsamkeit und analytischer Einsicht. Das Ziel dabei ist, das Disneyland in unserem Geist immer besser beobachten zu können, um unsere Täuschungen zu durchschauen und im Laufe der Zeit die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Es arbeitet weiter mit der Bewußtheit der gegenseitigen Vernetzung aller Menschen und Phänomene, um einengende dualistische Konzepte zu erkennen und zu überwinden. Auf einer weiteren Ebene gibt es Techniken wie ressourcenorientierte Visualisierungen. Nach außen projizierte, perfekte Buddhaformen zeigen uns dabei im Rückkoppelungsprozeß unser eigenes Potential. Eine weitere Variante im Buddhismus arbeitet mit sogenannten unlogischen Sätzen, Koans genannt, die unser dualistisches Bewußtsein sprengen. Wir stehen dann plötzlich mitten im Raum und wundern uns, warum wir jemals dachten, es gäbe so etwas wie Begrenzungen. Beim Thema buddhistische Techniken können wir uns fragen, was Buddha wohl zur Hypnotherapie sagen würde. Ich glaube, er würde sich erst einmal ziemlich darüber freuen, daß Erickson das von Freud mit destruktiven Trieben doch arg belastete Unbewusste qualitativ völlig neu definierte und den Fokus auf unsere Fähigkeiten gelegt hat. Buddha geht aber wieder einmal einen entscheidenden Schritt weiter und deckt unsere Tendenz zum dualistischen Erleben auch hier auf. Das, was wir Hypnotherapeuten das Unbewusste nennen, jenen Ort, den wir aufsuchen, um mit unseren Ressourcen in Kontakt zu kommen, nennt Buddhismus den unbegrenzten Raum unseres Geistes. Es handelt sich dabei nicht um einen vom bewußten Denken abgegrenzten Raum, sondern um Raum an sich. In diesem Raum entsteht unter anderem die Möglichkeit einer Ich- Wahrnehmung oder der Wahrnehmung von kognitiven Prozessen oder auch den sogenannten intuitiv-unbewußten Prozessen. Aber der grundlegende Unterschied zwischen Buddhismus und westlicher Psychologie zeigt sich auch hier. Im Buddhismus geht es nicht um duales, sondern um überpersönliches Erleben. Und dieses überpersönliche Erleben schließt Bewußtes wie Unbewußtes mit ein. Es sind einfach zwei verschiedene Spielarten unseres Geistes, das ist alles. Das Interessante an Trancephänomenen ist es nun aber sicherlich, daß trotz der einschränkenden Begrifflichkeit - Bewußtes hier, Unbewußtes dort - überpersönliches Erleben - so wie auch in buddhistischer Meditation - zumindest ansatzweise mögliche wird. Mir scheint es so, daß wir Hypnotherapeuten passende Schlüssel für eine Tür haben, auf die wir schreiben: “Hier betreten Sie das Unbewußte”. Wenn wir dann mittels Trance diese Tür öffnen und riesige Möglichkeitsräume zur Verfügung haben, holen wir uns dann schnell und zielorientiert die Ressource, die wir beispielsweise für eine Symptomreduktion brauchen, schließen die Tür wieder zu und gehen durchaus bereichert, aber doch sehr bescheiden und brav in unser gewohntes Haus unserer Ich-Begrenzung zurück. Das Ziel buddhistischer Meditation ist ein immer längeres Verweilen und schließlich nicht mehr Herausfallen können aus diesen riesigen Möglichkeitsräumen.
Fassen wir noch einmal zusammen: Buddhismus wie auch ressourcenorientierte Therapieformen arbeiten in die gleiche Richtung, nämlich dem Entdecken und Nutzbarmachen unseres Potenzials. Psychotherapie stockt meist an dem Punkt von Symptomreduzierung bzw. -beseitigung und einer allgemeinen Lebenszufriedenheit oder nicht mehr so großer Unzufriedenheit unserer Klienten. Buddhismus geht entscheidende Schritte weiter und argumentiert, dass, wenn es Augenblicke von höchster Freude gibt, wir logischerweise die Möglichkeit in uns haben, diese auch ausdehnen zu können so weit wir wollen. Buddhas Wunsch war es, dass seine Lehre als empirische Wissenschaft jederzeit und von jedem überprüfbar sein soll. D.h., wenn wir das Experiment buddhistische Meditation über einen gewissen Zeitraum durchführen, müssen wir uns allmählich der Erfahrungsebene Buddhas annähern. Seine provokante Aussage, „Leid ist eine Illusion“, wird zunächst vielleicht skeptisch betrachtet, bei genauerer Prüfung unserer Ich-Täuschung intellektuell verstanden und irgendwann einmal zum ganz natürlichen Dauererleben.





