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Achtsamkeit - ein Tor zur Erkenntnis

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Gefühle als das entlarven, was sie sind: mit Energie geladene Gedanken
Interview mit Elisabeth Reisch

 

Achtsamkeit ist eine Praxis, die aus dem Buddhismus stammt. Als Hauptziel dieser rund 2500 Jahre alten buddhistischen Weisheitslehre gilt letztlich das Überwinden menschlichen Leidens. Und damit ist die Verbindung zu Beratung und Psychotherapie bereits offensichtlich. In beidem geht es darum, Leiden zu überwinden, schwierige Lebenssituationen zu verbessern. „Achtsamkeit", ein wesentlicher Aspekt im Buddhismus, ist eine Fähigkeit, deren heilsamer Wert auch in Beratung und Psychotherapie zunehmend beachtet wird - und gerade im personzentrierten Ansatz besonders viele Entsprechungen hat. Hier finden sich Aspekte von Achtsamkeit insbesondere in den Grundhaltungen wie Empathie und Kongruenz. Achtsamkeit bezieht sich aber nicht nur auf die Kommunikation in therapeutischen Situationen, sondern beinhaltet sämtliche Aspekte einer gegenwärtigen Situation. Achtsamkeit zu praktizieren kann Beratungs- und Psychotherapiesituationen erleichtern, vereinfachen und optimieren - und den eigenen Arbeitsalltag immens vereinfachen. Elisabeth Reisch bezieht Achtsamkeits-Aspekte buddhistischer Tradition seit vielen Jahren in ihre personzentrierte Arbeit ein. Sie zeigt die Verbindung zum personzentrierten Ansatz auf.

 

Was haben der personzentrierte Ansatz und buddhistische Achtsamkeitsschulung miteinander zu tun? Und weshalb „lohnt" es sich für personzentriert Tätige, sich auch mit der buddhistischen Weisheitslehre bzw. Religion zu beschäftigen?

Das liegt an den Gemeinsamkeiten von personzentriertem Ansatz und buddhistischer Achtsamkeitsschulung. Im Buddhismus wie im personzentrierten Ansatz beschäftigen wir uns mit den Themen Bewusstheit, Empathie und der Frage, wie wir die in uns liegenden Potenziale (im Buddhismus wird dies „Buddhanatur" genannt) entwickeln können.
Die einzig relevante Frage, um die es im buddhistischen System geht, betrifft die Möglichkeit - ähnlich wie in der Psychotherapie - wie genau menschliches Leid überwunden werden kann. Vergleicht man die alten Texte mit moderner Psychotherapie, sind frappierende Übereinstimmungen festzustellen -wenn auch der Buddhismus in seinem Anspruch und seinen Methoden deutlich weitergeht, als dies Psychotherapie kann.
Ich denke hier an: Überwinden von dualistischen Sichtweisen, Transformation des Egos usw. Beim Studium der buddhistischen   Philosophie,   Psychologie und Meditationspraxis fällt vor allem die Übereinstimmung mit den Grundprämissen von Rogers auf.

 

Welche Aspekte aus dem Buddhismus sind nach Ihren Erfahrungen besonders für den personzentrierten Ansatz wichtig?

Aus buddhistischer Sicht geht es nun darum, immer mehr zu bemerken, was gerade im Geist geschieht und dies dann immer wieder loszulassen. Dazu gehört - um es mit einem westlichen Begriff zu sagen - Gelassenheit. Bei Gelassenheit ist bereits das „Lassen" oder „Loslassen" im Wort enthalten. Das bedeutet, wann immer ich eine feste Vorstellung oder ein Konzept (z. B. bezüglich einer Klientin/eines Klienten) habe, dann beginne ich, mich - bzw. den Anderen -einzuengen. Wenn ich dies bemerke, stellt es kein weiteres Problem dar, wenn nicht, dann verfange ich mich meist in meinen selbstgezimmerten Konzepten. Gelassenheit entsteht nun dadurch, dass man lernt, immer mehr die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und aus dieser offenen, präsenten Haltung heraus auch mehr Liebe und Mitgefühl für andere zu entwickeln. -Ein guter Ausgangspunkt für Beratungsoder Therapiegespräche.
Im Vergleich zu manch psychotherapeutischer Herangehensweise geht es also in der buddhistischen Weisheitslehre nicht darum, etwas besonders zu tun, sondern etwas zu lassen.
Das kann man beispielsweise am Begriff Gleichmut verdeutlichen; Gleichmut stellt sich bei in Achtsamkeit geschulten Menschen als natürlicher Effekt ein. Wenn wir lernen, achtsamer mit uns und mit anderen umzugehen, legen wir den Schwerpunkt darauf, allen Gedanken und Gefühlen gleich mutig zu begegnen, also wieder nicht gegen etwas zu sein bzw. zu versuchen etwas zu erreichen, sondern das was ist, einfach geschehen lassen. Und hier hat uns Rogers beispielsweise mit der Vorgabe „Klientinnen und Klienten nicht-wertend" gegenüber zu treten in eine ganz ähnliche Richtung gelenkt.

 

Was ist nun in diesem Zusammenhang Achtsamkeit und wo ordnet sie sich ein?

Achtsamkeit ist das Tor zur Erkenntnis dessen, was wirklich ist. Im Laufe der Zeit erkennen wir in diesem Prozess, dass die so genannte äußere, von uns als getrennt erlebte Welt die Projektion unseres eigenen Geistes ist.
Zu Beginn ist Achtsamkeit eine innere Entscheidung, bewusster und ganzheitlicher leben zu wollen. Dies erreichen wir durch die Fokussierung auf das Jetzt und das Erkennen dessen, ob und wie wir uns in Vergangenheits- oder Zukunftskonstruktionen „mental verlaufen", uns in Gedanken ketten verlieren und dies - fälschlicherweise und meist ohne es zu bemerken - für die Realität halten.

 

Wobei hilft Achtsamkeit genau?

Achtsamkeit dient dazu, das Potenzial unserer geistigen Fähigkeiten zu entfalten, über das wir alle verfügen. Normalerweise bemerken wir gar nicht, dass wir Phänomene im Außen (das Objekt unserer Wahrnehmung wäre z.B. unsere Klientin/ unser Klient) wie auch in unserem Inneren (Gedanken und Gefühle) verschleiert und verzerrt wahrnehmen. Wir sehen die Welt in aller Regel nicht so, wie sie wirklich ist, sondern durch
eine unterschiedlich gefärbte Brille. Eine Achtsamkeitspraxis aufzunehmen würde nun bedeuten, immer wieder diese Brille abzusetzen, und zu versuchen, die Dinge nüchtern so wahrzunehmen, wie sie wirklich sind.
Die grundlegende Frage der Achtsamkeit lautet: Wie kommen wir in den unmittelbaren Kontakt mit der Realität des gegenwärtigen Momentes und dies nicht nur während der Therapiesituation, sondern im Grunde genommen permanent? Achtsamkeit fängt immer bei mir selber an und bezieht mein Gegenüber mit ein.
Das Ziel von Achtsamkeit ist direktes, unmittelbares Erkennen dessen, was wirklich ist. Normalerweise - und da unterscheiden wir uns in keiner Weise von unseren Klienten - ist unsere Wahrnehmung gefärbt durch Gedanken, Ideen, Konzepte usw. über eine bestimmte Situation.

 

Wem dient Achtsamkeit letztlich: den Klienten oder den Beratern und Therapeuten?

Achtsampraxis ist nicht in erster Linie eine Technik, um effektiver und genauer therapeutisch arbeiten zu können, sondern auf einer tieferen Ebene eine Methode zur befreienden Selbsterkenntnis, zu klarerem Erkennen und tieferem Erleben. Wir können diese Methode zwar durchaus für unsere Zwecke funktionalisieren, sollten uns dabei aber gleichzeitig bewusst darüber sein, dass wir damit nur mit einem kleinen Teilaspekt seiner letztendlichen Tiefe in Kontakt sind.

 

Wie können wir im Westen buddhistische Denkweisen erlernen und dann integrieren?

Das ist natürlich ein weites Feld. Aber ein unmittelbarer Zugang ist die Meditation. Das buddhistische Meditationssystem zielt darauf ab, unser Ego zu transzendieren, und zu erfahren, wer wir wirklich sind. Heilung in diesem Kontext bedeutet, unsere eingeschränkte Sichtweise von „Körper" und „Geist" als fehlerhafte Konzepte zu durchschauen und durch eine Veränderung des Bezugspunktes zu einer ganzheitlichen Erfahrung zu gelangen. In der Meditation beginnt man meist mit innerer Achtsamkeit, und wenn man dann mehr Raum zwischen sich selbst und den äußeren Phänomenen erlebt, kann auf dem Beziehungsaspekt von Liebe und Mitgefühl, auf das Verständnis unserer gegenseitigen Vernetzung fokussiert werden. Und schließlich arbeitet Buddhismus mit Meditationsmethoden, die uns in Kontakt mit unseren in uns liegenden Ressourcen bringen.

 

Achtsamkeit ist ja aus westlicher Sicht nicht so ganz einfach zu verstehen - gibt es vielleicht im Buddhismus Bilder dazu, die uns das Verständnis erleichtern?

Mir fällt aus buddhistischer Sicht dazu das Bild eines Gefängnisses ein. Die meisten von uns sitzen im Gefängnis (auch wenn wir mit der hübschen Ausgestaltung des Gefängnisses so beschäftigt sind, dass wir die gewohnten Gitterstäbe gar nicht mehr als beschränkend wahrnehmen). Unsere starren Gewohnheitsmuster, so die buddhistische Erklärung sind die Gefängniswärter. Wollen wir hinaus in die Freiheit, so müssen wir uns ihnen erst einmal achtsam zuwenden. In diesem Prozess des „genau Hinschauens" werden wir sie mit der Zeit entlarven. Ihr Machtanspruch kann sich dann allmählich lösen.

 

Wie passt das Bild in Situationen von Therapie und Beratung?

Es geht ja auch in der Therapie und Beratung darum, die Einteilung „hier bin ich, der Therapeut/Berater mit all seinen empirisch gut belegten Methoden und dort sitzt der Klient mit seinen Problemen und Neurosen" - in ein umfassenderes Erleben der Gesamtsituation übergehen zu lassen.
Sobald unsere eigene Gefängnistüre offen steht bzw. wir unser ganzes Gefängnis als Illusion durchschauen, ergibt sich ganz natürlicherweise Intuition, Verstehen, Empathie - sie sind dann natürlicherweise da. Wir kreieren sie nicht, sie entwickeln sich, wenn wir aufhören, uns einzuschließen (z. B. in starre, nicht dem dynamischen therapeutischen Prozess angepasste Konzepte und Theorien). Rogers war einer derjenigen Therapiegründer, der den Mut hatte, dies zu erkennen und uns zu lehren.
Achtsam im gegenwärtigen Moment zu sein bedeutet, dem Klienten mit bedingungsloser Offenheit zu begegnen. In dieser Offenheit finden wir natürlicherweise Wertschätzung und Empathie. Sind diese eingeschränkt, so ist dies einfach ein Zeichen dafür, dass wir eben nicht bedingungslos (d. h. ohne irgend etwas zu wollen, ohne irgendeine Absicht zu verfolgen) im Moment verweilen.
Achtsamkeit bedeutet auch, wie schon erwähnt, wahrzunehmen, ob wir in Berührung mit der Klientin, dem Klienten sind oder mit den Konzepten, die wir über unser Gegenüber haben. Wissen wir, was wir denken und fühlen, wenn ein bestimmter Klient den Raum betritt (Achtsamkeit auf unsere inneren Prozesse) oder verwechseln wir - und das geschieht fast immer, wenn wir unachtsam sind, die so genannte äußere Realität, in diesem Fall unseren Klienten mit unseren eigenen vorgefassten inneren Bildern, Konzepten und Vorstellungen? Wir beraten/therapieren dann -ohne es zu bemerken - unsere eigenen Probleme, zu deren Anlass wir den Klienten benutzen.

 

Wie kann man Achtsamkeit beispielsweise in einer Therapie- bzw. Beratungssituation praktizieren?

Achtsamkeit bezieht sich erst einmal auf uns selbst: Eine Möglichkeit besteht z. B. darin, während des ganzen Therapieprozesses einen Teil der Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem gerichtet zu lassen. Das klingt zunächst sehr einfach - ist es auch und genau deshalb haben wir zunächst einige Probleme damit: Wir erleben uns als kompliziert und sind es nicht gewohnt, einfach zu SEIN.
Durch den Atem haben wir eine gute Verbindung zwischen Körper und Geist. Eine Abweichung unseres natürlichen Atemrhythmus birgt die Botschaft, dass wir im Begriff sind, uns in Konzepten zu verfangen, was immer mit einer bestimmten Grundanspannung einhergeht. Dies zu entdecken, ist bereits eine große Hilfe. Ich kann dies an einem kleinen Beispiel veranschaulichen:
Der Therapeut ist präsent, er bemerkt dies durch die Achtsamkeit auf den Atem und nun taucht ein Gedanke auf wie „Schon wieder diese langweilige Geschichte von Frau A.!", so entdeckt er bei Schulung in Achtsamkeit diesen schlichten Gedanken rechtzeitig. Er kann den Gedanken für den weiteren therapeutischen Prozess nutzen, ohne sich in die meist blitzschnell ablaufenden Gedankenketten zu verlieren -und dadurch zu einer unbewussten Reaktion „getrieben" zu werden.
Achtsamkeit im Kontext von Therapie bedeutet das genaue Wahrnehmen dessen, was gerade ist; im oben geschilderten Beispiel: „Ich bemerke Langeweile in mir. Was bedeutet das in der Beziehung? usw."
Rogers Einladung, immer wieder im Kontakt mit dem Präsenzzustand, dem Hier und Jetzt, zu sein, sich dem Augenblick absichtslos zur Verfügung zu stellen, dieses Mitschwingen, mit dem was gerade ist, ohne das Geschehen in irgend einer Weise kontrollieren, antreiben, oder manipulieren zu müssen, das lernte ich eben auch in meiner Ausbildung zur Gesprächs Psychotherapeutin.

 

Welche Vorteile bringen Achtsamkeit im beruflichen Alltag?

Wenn Berater und Therapeuten Achtsamkeitstraining erlernen, berichten sie häufig von ähnlichen positiven Effekten: Sie erleben sich mehr zentriert, gelassener und auch viel weniger wertend. Meist fällt ihnen auf, wie viel weniger erschöpfend ihre Arbeit plötzlich ist. Man ist nicht mehr so angestrengt und mit bewusstem Willen dabei, sondern überlässt sich viel mehr dem Fluss des Geschehens.
Wenn ich als Therapeutin schwierigen Klienten gegenüber sitze, bemerke ich immer wieder, dass gerade dann, wenn ich keinen Anspruch habe irgendetwas für sie tun zu müssen, gleichzeitig aber offen und präsent bin, plötzlich etwas Erstaunliches passiert: Irgendetwas in mir sagt plötzlich genau das Richtige - oder Es - sagt eben nichts, und dann ist es auch in Ordnung. Dieses Loslassen davon, willentlich irgendetwas erreichen zu müssen oder zu wollen, ist schon sehr nahe an der Meditation.
Wenn man sich die Grundhaltungen Rogers ansieht, dann geht es ja immer wieder um dieses nicht wertende Akzeptieren seiner selbst und des anderen, die Fähigkeit, sich in den anderen einzufühlen und ihn in seinem Bezugsrahmen zu verstehen, und sich dieses Prozesses von Moment zu Moment bewusst zu sein -genau dies habe ich immer als das wichtigste Agens der klientenzentrierten Psychotherapie empfunden. Insofern kann eine so verstandene Therapie als „lebendige Meditation" verstanden werden.

 

Kann man Achtsamkeit einfach so praktizieren, wenn man sich für ein achtsames Leben entscheidet oder wie kommt man zu besserer Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist zunächst etwas, was wir üben müssen. Dazu gehört am Anfang eine leichte Grundspannung, die schon im Wort Achtsamkeit spürbar ist. Sie geht bei zunehmender Praxis immer mehr in einen gelasseneren, weiteren Bewusstseinsraum über. Die Fähigkeit zur Bewusstheit selbst liegt bereits in uns. Bewusstheit kann nicht kreiert, sondern nur freigelegt werden. In diesem Prozess ist es zwar - über eine recht lange Zeit - nötig, immer wieder achtsam den Blick nach innen zu richten, irgendwann aber, wenn wir im „absichtslosen Sein" des Augenblicks angekommen sind, löst sich das letzte Festhalten („Ich übe mich jetzt in Achtsamkeit") von alleine auf. Im Prozess des Achtsamwerdens hebt sich irgendwann einmal die bisher durch unsere dualistische Wahrnehmung geprägte eingeschränkte Erfahrung des „Innen und Außen" auf. Es geht dann einfach darum, vorurteilsfrei (ohne Hoffen und Fürchten) zu beobachten, was ist.
Achtsamkeit verselbstständigt sich nach entsprechender Schulung und Übung im optimalen Fall irgendwann und lässt uns den (Arbeits-) Alltag, das Leben, zufriedener und anstrengungsloser bewältigen. Zum Erlernen von Achtsamkeit gehört Meditation, und hier schließt sich der Kreis. Meditation ~ das heißt nicht unbedingt langes Sitzen, aber bewusste Konzentration, auf die Dinge, mit denen wir gerade beschäftigt sind: Gehen, Essen, Aufräumen und andere Alltagstätigkeiten, berufliche Tätigkeit... Achtsamkeit lässt sich bei einfachen Tätigkeiten üben - und nicht zuletzt in der Konzentration auf den eigenen Atem.
Eine Frucht der Achtsamkeit ist letztlich auch das Mitgefühl, das aus der Erkenntnis resultiert, dass alle Wesen, alle Ereignisse miteinander vernetzt sind. Das wäre dann ein neues Thema.

 

Wie kann ich als Praktizierender feststellen dass ich achtsam bin?

Solange wir uns noch darum bemühen, achtsam zu sein, solange wir unseren Fokus noch darauf richten, ist das noch in etwa so, als ob wir einen kleinen Polizeihund in uns hätten (jedenfalls am Anfang des Übungsweges), der aufpasst, dass wir auch alles richtig machen.
Ähnlich ist es ja auch mit der Empathie. Solange wir uns im Therapieprozess darum bemühen, empathisch zu sein, sind wir es nicht wirklich. Das ist an sich kein Problem. Es ist nur wichtig zu verstehen, dass ein Zeichen des erfolgreichen „Achtsamkeitstrainings" darin besteht, dass sich der „Polizeihund in uns" immer mehr entspannt. Irgendwann braucht er keine Leine mehr, sitzt gelöst auf seinem Grundstück, und bemerkt ganz intuitiv, ob sich irgendwo etwas bewegt... (und irgendwann später einmal gibt es weder Zäune um das Grundstück noch irgendwelche „Aufpasser"). Wir sind dann gewissermaßen eins mit der Situation. Dieses reine, nicht bewertende Gewahrsein ist es, um das es letztendlich geht. Achtsamkeit selbst entspannt sich also vertrauensvoll in einen Zustand hinein, den wir genau genommen mit anstrengungsloser und natürlicher Bewusstheit oder Gewahrsein deklarieren können.
Übrigens erinnere ich mich noch sehr genau an eine der wertvollsten therapeutischen Äußerungen meines damaligen Ausbilders und Therapeuten, Professor Dr. Hajo Schwartz. Immer dann, wenn ich mich besonders in mir verknotet und unglücklich fühlte, ihm als junge Therapeutin von irgendwelchen Schwierigkeiten berichtete, antwortete er meist mit einem: „Aha, so ist das jetzt gerade bei dir".
Ich kann mich noch gut an meinen anfänglichen Widerstand erinnern; auf einer tieferen Ebene habe ich mich aber gerade damit immer sehr verstanden gefühlt. Niemand, der sich in meine Prozesse einmischte, keiner, der irgend etwas anderes wollte als das, was gerade da ist und auch mit seinem „aha so ist es jetzt gerade bei dir" fast unbemerkt den Fokus darauf lenkte, dass sich alles in einem dynamischen Prozess befindet, auch meine als fälschlicherweise so stabil angenommenen Probleme. Damals schon konnte ich die heilsame Wirkung dieser klientenzentrierten Haltung genießen. Aber erst später habe ich durch buddhistisches Grundlagenwissen erfahren, wie nahe sich in diesem therapeutischen Momenten Buddhismus und klientenzentrierte Psychotherapie sind.

 

Achtsames Leben im Alltag -Halt, innere Stärke, Gelassenheit und Gleichmut

Praxis: Ein Tag der Achtsamkeit

Ein Tag in der Woche, reserviert für Achtsamkeit im Alltag: Morgens früher aufstehen als sonst. Nicht wie gewohnt, in Eile frühstücken, loshetzen, zuvor noch das Haus im Turbogang in Ordnung bringen, zwei, drei Telefonate erledigen. Stattdessen: In Ruhe aufstehen, für alles, was kommen wird, die doppelte Zeit einplanen, sprich alle Handlungen verlangsamen. Den Tag mit Atemübungen und einer Körperreise beginnen. Eine Kerze anzünden, bewusstes Atmen üben: „Einatmend weiß ich dass ich einatme, ausatmend weiß ich dass ich ausatme, einatmend spüre ich meinen Einatem, ausatmend spüre ich meinen Ausatem..." (Eine einfache Übung, die ich von Thich Nhat Than gelernt habe). Ein paar Minuten. Dann den Körper bewusst wahrnehmen: Wie fühlt sich meine Kopfhaut an, meine Stirn, meine Augenbrauen...? So wandere ich durch den äußeren Körper, später durch den inneren und zuletzt durch die Gefühle und Gedanken. Ich versuche, mich nicht ablenken zu lassen, nicht zu planen, nicht bei Erinnerungen zu verweilen... Das ist manchmal schwer, wenn zu viel ansteht, wenn meine Alltagsgedanken sich meinen Geist aneignen wollen. Oft schwirren sie wie Bienen um einen Bienenstock herum oder galoppieren wie wilde Pferde durch meinen Gehirn. Aber es geht: Alle Gedanken lasse ich bewusst weiterziehen - wie Wolken am Himmel. ich gebe ihnen die Gewissheit, dass ich mich ihnen dann widme, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Aber die bestimme ich, nicht mein innerer Antreiber, der sonst so machtvoll meinen Tag bestimmt.

Tiefe Verbundenheit

Dann bereite ich konzentriert ein gesundes Frühstück zu. Die Zeitung hat an diesem Tag keinen Platz auf dem Frühstückstisch. Ich esse, ganz bewusst und ohne jede Ablenkung, ohne Musik, ohne Gespräche. Ich kaue jeden Bissen mindestens 30 Mal - wie sehr sich der Geschmack beim Kauen verändert! Ich versuche, nur das Essen zu kauen, nicht auf meinen Problemen herum zu kauen. Ich sehe, fühle, schmecke, mache mir bewusst, woraus meine Nahrungsmittel bestehen. Ich mache mir klar, wie viele Menschen (und Tiere) mitgewirkt haben, dass ich hier und jetzt einen wohlschmeckenden Joghurt mit Müsli genießen kann: Bauern, Menschen, die die Verpackung herstellen, LKW-Fahrer, Verkäufer... Ich denke an die Elemente, aus denen die Nahrungsmittel letztlich bestehen: Wasser, Sonne, Erde, Luft... So empfinde ich tiefe Verbundenheit mit den Wesen und Elementen der Erde -und große Dankbarkeit.
Dann beginne ich mit der Alltagsarbeit - lasse mir für alles ganz besonders viel Zeit, erledige die anstehenden Arbeiten mit Freude und Gelassenheit. Natürlich kommen unerwartete Störungen. Ich gebe ihnen, wenn dies unbedingt notwendig ist, Zeit und Raum. Aber: Wenn der Computer hochfährt, sortiere ich nicht hektisch die Unterlagen auf meinem Schreibtisch und bin ungeduldig. Sondern ich nutze die Wartezeit, um bewusst zu atmen. Und dann ist da noch mein „Wecker": Ich habe mir vorgenommen, zumindest an diesem Tag, immer dann, wenn ich Vogelgezwitscher höre, zu meinem Atem zurück zu kehren.
So fühle mich sehr bei mir - Gedanken, Gefühle, Geist, Seele und die gerade zu erledigende Arbeit werden eins. Ich bin ruhig und konzentriert, ich mache weniger Fehler als sonst (spare also dadurch letztlich Zeit ein). Und ich reagiere auch in Stresssituation mit gewissem Gleich-Mut, kann besser zuhören, mich besser einlassen... Ich habe dabei den Eindruck, die Menschen, mit denen ich zu tun habe, sind freundlicher als sonst. Ist dies mein eigener Konstruktivismus oder strahle ich Ruhe und Zuwendung aus? Und bekomme sie zurück? (Ich nehme mir immer vor: „Der wichtigste Mensch ist stets der, mit dem ich gerade zu tun habe." Aber in der normalen Hektik rutscht mir das oft durch, und ich bin in Gedanken oft woanders. Oder ich habe schnelle Lösungen und Ratschläge parat, wo eigentlich nur Zuhören notwendig wäre.)
Ich praktiziere diese Achtsamkeitsübungen jetzt schon eine ganze Zeit -und ich spüre, dass es mir so gelingt, zunehmend im Augenblick zu leben. Automatisch wird das Gedanken-Sorgen-Karussell weniger. Ich habe während der Achtsamkeitsübungen, wenn ich mich vollkommen auf das Hier und Jetzt einstelle, dafür gar keinen Platz.

 

Ich bin keine romantische Träumerin, keine Esoterikerin, keine Buddhistin - nein, ich bin 47, selbständig, habe eine kleines Coaching-Unternehmen, zwei halb-erwachsene Kinder, einen anspruchsvollen Ehemann, ein großes Haus, alte Eltern... das volle Programm der Mehrfachbelastung, das man als berufstätige Frau bewältigen können muss. Vor einigen Jahren brach durch eine schwere persönliche Krise, durch tiefes seelisches Leid, mein Selbstkonzept zusammen.
Auf der Suche danach, wie ich mir selber helfen könnte, beschäftigte ich mich intensiv mit Buddhismus, mit Mediation und stieß so auf Achtsamkeit. Die Übungen, die ich mit Lehrern trainiert habe, verselbständigen sich zunehmend - reduzieren meinen Stress. (Auch an „normalen" Tagen fällt mir das bewusste Atmen und innere Lächeln immer öfter ein, wenn es besonders anstrengend wird.)
Achtsamkeit gibt mir zunehmend Halt, Sicherheit und Unterstützung, dass auch unangenehme Situationen wieder vergehen. Achtsamkeit im Alltag erhöht meine sinnliche Wahrnehmung - ich werde mir immer wieder meiner fünf Sinne bewusst - erhöht meine Lebensqualität auf allen Ebenen. Sie macht mich unabhängiger von Hilfe/auch Bewertungen von Außen. Ich erlebe die Achtsamkeitsübungen als Gegengewicht zur ständigen Beschleunigung und Medienbeeinflussung. Eine Erfahrung, die ich jedem Menschen wünsche.
Eine Klientin

 

Gibt es eigentlich noch weitergehende Möglichkeiten der Achtsamkeitsschulung als das reine Feststellen, was da jetzt gerade ist?

Achtsamkeit im Kontext von einer meditativen Schulung würde noch einen Schritt weiter gehen und zusätzlich noch - ich bleibe im oben erwähnten Beispiel der Langeweile - das Konzept „Langeweile" selbst untersuchen: Was genau ist Langeweile? Ist es ein Gedanke oder ist es ein Gefühl? Was genau ist der Unterschied zwischen einem Gedanken und einem Gefühl? Woher kommen Gedanken und wohin lösen sie sich wieder auf? Wer erlebt die Gedanken? Wie sieht der Erlebende aus? Kann ich ihn anschauen oder anfassen? Alles, was ich anschauen oder anfassen kann, ist aber doch das Objekt meiner Wahrnehmung, also nicht der Erlebende selbst. Wer also erlebt? Wer ist dieses „Ich", von dem wir immer ganz natürlicher Weise ausgehen, es zu kennen aber doch nie so richtig zu fassen bekommen? So in etwa lassen sich buddhistische Grundgedanken zur Meditation vereinfacht darstellen. Insgesamt verlangt dieser Prozess des Er-forschens eine sorgfältige - aus meiner Sicht sehr spannende Schulung. Aber: Man kann sich nicht einfach einmal hinsetzen, in den Geist hinein schauen und dabei entdecken, wer man wirklich ist. Wer sich allerdings die Zeit nimmt und ggf. bei buddhistischen Lehrern Hilfe sucht, stößt hier auf ein sorgfältig durchdachtes - logisch absolut nachvollziehbares - intellektuell anspruchsvolles Gedankenkonzept
Ich möchte noch mal ein anderes Beispiel bringen, mit dem wir in Beratung und Therapie häufig zu tun haben: mit der Wut. Im therapeutischen Prozess benutzen wir z. B. Wut dafür, den Klienten besser und umfassender verstehen zu können - jedenfalls dann, wenn wir uns in aller Sorgfalt dem Übertragungs-Gegenübertragungsprozesses zwischen Therapeut und Klient und der darin enthaltenen Prozesshaftigkeit bewusst sind. Achtsamkeit auf meine Wut als Therapeutin bezogen würde also (z. B. wenn der Klient uns angreift, unsere Äußerungen lächerlich macht usw.) bedeuten, bewusst damit zu arbeiten und nicht einfach auszuagieren. Achtsamkeit ist also nötig, um einen Moment - oder mehrere Momente - von innerer Freiheit zu spüren, so zu reagieren, wie wir es für sinnvoll halten (z. B. die Wut in uns als Spiegel der Wut des Klienten ansehen, die Wut als Beziehung gestaltendes Element wahrnehmen, mit dem Klienten gemeinsam das Thema Wut in seinem Leben weiter zu eruieren, in seinen lebensgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen usw.).
In einer buddhistischen Achtsamkeitspraxis z. B. würden wir die Wut nicht nur als lebensgeschichtlich nachvollziehbar oder beziehungsreievant wahrnehmen, sondern das Gefühl an sich untersuchen. Was genau ist Wut? Wir würden entdecken, dass es sich bei Gefühlen immer um „mit Energie aufgeladene Gedanken" handelt. Immer dann, wenn unsere Konzepte nicht mit der so genannten Wirklichkeit   übereinstimmen,   entsteht Widerstand. Wenn wir den Widerstand einfach so beobachten wie er gerade ist, die Wut, egal wie energiegeladen sie ist, weder unterdrücken noch ausagieren, sondern sie in uns als Energie wahrnehmen, bemerken wir in dem Prozess des Nichteingreifens, also des nicht reflexhaften Ausagierens, plötzlich die Qualität der Wut. Dabei erleben wir dann eine völlige Klarheit im Geist.
Zu diesen inneren Qualitäten (z.B. spiegelgleiche Weisheit bei Wut) gelangen wir durch eine meditative Schulung, die deutlich darüber hinausgeht, was wir Therapeuten normalerweise zu diesem Thema beisteuern können.
Selbststudium reicht für Achtsamkeit sicherlich nicht. Wenn wir für Fähigkeiten wie Klavier spielen oder Auto fahren jemanden brauchen, der uns anleitet, dann ganz sicherlich auch für so ein anspruchsvolles Thema wie Achtsamkeitspraxis. Wenn ich dies im Selbststudium versuchen würde, könnte es leicht geschehen, dass ich letztendlich angespannter bin, als zuvor. Wachsame Präsenz ohne Schläfrigkeit oder Dumpfheit auf der einen Seite und Unruhe auf der anderen Seite braucht Anleitung und Überprüfung.
Achtsamkeit kann jeder lernen, der es wirklich lernen will. Wie weit der Einzelne diesen Weg gehen möchte, hängt natürlich vom persönlichen Interesse ab. Manchmal kommt die Freude erst, wenn wir die ersten Früchte der Achtsamkeit geerntet haben. Die meist mühsamen Wochen oder Monate des Lernens und Übens lohnen sich: Nach meiner persönlichen Erfahrung empfinden Übende das Leben allgemein als leichter, weil man viel „Gepäck" auf dem Weg verliert. In der Regel ist dies ein langer und intensiver Prozess. Achtsamkeitstraining an einem Wochenende - mal so eben zwischen durch - wird zu keinen bleibenden Resultaten führen.
Bücher über Achtsamkeit gibt es sehr viele. Ich empfehle, sich ganz gemütlich vor ein Bücherregal einer großen Buchhandlung zu stellen und sich einfach inspirieren zu lassen. Zum buddhistischen Weg der Achtsamkeit finden wir z. B. bei Meistern der Theravarda Schule (z. B. Ayya Khema) oder der Mahayana Ausrichtung ( z. B. den vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh) eine Reihe wertvoller Hinweise. Letztendlich jedoch geht es darum, dass jeder - achtsam und sorgfältig - seinem eigenen Weg folgt.

Ich danke ihnen für das Gespräch.

Ursula Reinsch

 

Literatur

  • Lama Ole Nydahl: Wie die Dinge sind, München: Knaur MensSana 2004
  • Lama Ole Nydahl: Vom Reichtum des Geistes, München: Knaur MensSana 2006
  • Sakyong Mipham: Wie der weite Raum. Die Kraft der Meditation, Frankfurt: dtv 2005
  • Gendün Rinpoche: Herzensunterweisungen eines Mahamudra-Meisters, Stuttgart: Theseus Verlag 1999
  • Alfred Weil (Hrsg.): Stiller Geist - klarer Geist, Berlin: Theseus Verlag 1998
  • Charlotte Joko Beck: Zen im Alltag, München: Knaur MenSana 2000
  • Thich Nhat Hanh: Zeiten der Achtsamkeit, Freiburg im ßreisgau: Herder 1996
  • Tich Nhat Than: Aus Angst wird Mut - Grundlagen buddhistischer Psychologie. Berlin: Theseus-Verlag 2001